HANDBALL inside: Blindenreportage

Foto: privat/Florian Schneider Foto: privat/Florian Schneider

Nachgefragt bei Florian Schneider von AWO Passgenau e.V., einem Verein der Arbeiterwohlfahrt. Der 38-jährige beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Thema Blindenreportage.



Seit wann wird Blindenreportage in Deutschland angeboten?


Florian Schneider: Zum ersten Mal wurde Blindenreportage 1999 bei einem Fußballspiel zwischen Bayer Leverkusen gegen SSV Ulm getestet.



Wie viele Reporter gibt es?


Schneider: Insgesamt liegt die Zahl bei 200.



Wieso ist ein Livespiel für Menschen mit eingeschränkter Sehkraft interessant?


Schneider: Ein Livespiel bedeutet Teilhabe. Man geht ins Stadion, wie alle anderen Zuschauer auch, und genießt das Event als Ganzes. Eine Einschränkung oder Erblindung entsteht oft erst im Laufe des Lebens als Folge von einem Unfall oder einer Krankheit. Viele unserer Zuhörer sind beispielsweise seit vielen Jahren im Besitz einer Dauerkarte. Sie wollen weiterhin die Spiele erleben, das ist allerdings nur noch mit Hilfe der Blindenreportage möglich. Ins Stadion zu gehen bedeutet auch einfach Normalität.



Was unterscheidet eine Blindenreportage von einer Radioreportage?


Schneider: Die Radioreportage ist ein Kommentar, in den viele Statistiken und subjektive Beobachtungen eingestreut werden. Wir wiederum beschreiben ganz genau, was auf dem Feld passiert: Im Rückraum wird der Ball abgefangen mit Pass auf den Kreisläufer; der dreht sich um die eigene Achse nach rechts und zielt Richtung Tor nach links unten … Ein Radiokommentator beschreibt das Gleiche wie folgt: Gegenangriff, schön gemacht, eins zu null …



Wie funktioniert die Reportage bei einem Spiel?
Schneider: Wir arbeiten meistens in einem Dreierteam. Zwei Sprecher kümmern sich um die Reportage, der Dritte verantwortet die Technik. So war es beispielsweise bei der Handball-WM. Jeder Reporter hat eine Mannschaft übernommen und erklärte ausschließlich die Aktionen dieses Teams. Der Zuhörer wusste somit anhand der Stimme, ob der Ball gerade bei Deutschland oder bei Korea ist.



Sie waren für das WM-Projekt verantwortlich. Bei welchen Spielen wurde die Blindenreportage angeboten und wie viele Nutzer gab es?


Schneider: Wir waren bei den Spielen der Deutschen Nationalmannschaft in Berlin und in Köln. Während der WM haben insgesamt 69 Menschen unsere Dienstleistung in Anspruch genommen.



Wie bereitet sich ein Blindenreporter auf exotische Gegner wie Japan oder Brasilien vor?


Schneider: Unsere Vorbereitung ist besonders intensiv. Wir kennen alle Namen der Protagonisten und im Optimalfall auch die Ergebnisse der letzten Spiele auswendig.



Das klingt sehr arbeitsintensiv für Ehrenamtlichkeit …


Schneider: Wir sind schon etwas über die Ehrenamtlichkeit hinaus. Ich bin bei der Arbeiterwohlfahrt, genauer gesagt bei dessen Verein AWO Passgenau, fest angestellt und unsere Blindenreporter, die so ein Großturnier wie eine Weltmeisterschaft begleiten, bekommen selbstverständlich ein angemessenes Honorar. Professionalität muss entlohnt werden.



Kann jeder Blindenreporter werden?


Schneider: Grundsätzlich schon. Die DFL bietet mittlerweile im elften Jahr eine spezielle Schulung an, bei der Blindenreporter ausbildet werden. Wir arbeiten bei AWO Passgenau aktuell an einer Zertifizierung für die Blindenreportage. Dabei werden auch wissenschaftliche Aspekte berücksichtigt.



Wenn ein Handballclub bei den Heimspielen die Blindenreportage anbieten möchte …


Schneider: Dann kommen wir für eine Beratung gerne vorbei. Wir zeigen in einem Erstgespräch verschiedene Möglichkeiten auf, auch im technischen Bereich. Erst die Umsetzung ist für den Club mit Kosten verbunden.



Dieser Artikel stammt aus der HANDBALL inside Ausgabe 3/2019 Autor: Zita Newerla



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Quelle: HANDBALL Inside


  

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