Handball-Euphorie am Bodensee: HSG Konstanz „bereichert“ die 2. Bundesliga

Ausnahmezustand in Konstanz: Nachdem die HSG im letzten Jahr die Süddeutsche Meisterschaft und die Rückkehr in die 2. Handball-Bundesliga feiern konnte, machte sich bereits am vorletzten Spieltag goldener Konfettiregen über den Konstanzer Fanblöcken in Neuhausen breit. Vor der Saison bestenfalls als Außenseiter gehandelt, gelang nun vor über 200 mitgereisten Fans „die Bestätigung der Meisterschaft“, wie Cheftrainer Daniel Eblen den Klassenverbleib seiner Mannschaft in der stärksten zweiten Liga der Welt bezeichnet. Sein Vater, HSG-Präsident Otto Eblen, steckt derweil zusammen mit dem Management schon längst in der Weichenstellung für die Zukunft. „Nichts ist so langweilig wie die Erfolge der Vergangenheit“, lächelte er direkt nach Saisonende und erklärt: „Wir wollen das Niveau weiter anheben und uns weiter verbessern.“

35 Punkte bedeuteten in Jahr eins nach dem Wiederaufstieg Platz 14 von 20 Mannschaften, nur einen Zähler hinter Rang elf. „Das ist eine historische Saison für die HSG Konstanz“, freut sich Otto Eblen und erklärt: „Der Klassenerhalt ist noch höher einzustufen als der Aufstieg.“ Zumal in diesem Jahr dafür so viele Punkte wie nie zuvor im eingleisigen Bundesliga-Unterhaus nötig waren. Ein umjubelter Erfolg, der im Wesentlichen auf sechs Elementen fußt.

Fans: Der Handball-Boom am Bodensee scheint vor dem insgesamt fünften Jahr der Zweitliga-Zugehörigkeit keine Grenzen zu kennen. 24250 Fans – knapp 1300 im Schnitt – strömten in den stimmungsvollen Hexenkessel „Schänzle-Hölle“ direkt am Ufer des Seerheins – bester Wert eines Aufsteigers. „Wir haben einen Status, eine Reichweite, Dynamik und Begeisterung in der ganzen Region erreicht, das ist sensationell“, freut sich der Präsident. Mit Platz elf in der Zuschauergunst ließ Konstanz sogar sechs etablierte Zweitligisten hinter sich und konnte sich stets – auch und gerade in schwierigen Situationen – auf sein fachkundiges, loyales und überaus frenetisches Publikum verlassen. 21 Punkte konnten so zu Hause gesichert werden. „Wir wissen, dass wir immer auf unsere Fans vertrauen können und sie wissen, dass sie uns immer vertrauen können“, beschrieb Daniel Eblen das innige Verhältnis zu den begeisterungsfähigen und emotionalen HSG-Anhängern.

Zusammenhalt: Beim südlichsten Bundesligaverein, der mit mehr als 20400 Kilometern zu den Auswärtspartien einsamer „Reisemeister“ der Bundesrepublik ist und größte logistische und finanzielle Herausforderungen bewältigen muss, wurde nie die Ruhe verloren. Hohe Auswärtsniederlagen wurden „ganz schnell abgehakt“, sagt Trainer Daniel Eblen. Darauf folgte meist ein Heimsieg und in der Fremde wurden trotz der großen Strapazen 14 Punkte erkämpft, weil, so der 42-Jährige, „das Team sich immer auf die gemeinsame Zeit gefreut hat“ – elftbeste Bilanz der Liga. Eblen: „Jeder für sich und zusammen muss Teamplayer für eine große Mannschaft sein.“ So sei man zwar gezwungen, anders an Spiele heranzugehen, aber, so der A-Lizenzinhaber weiter: „Wenn man es schafft, zusammenzuwachsen, das Gerüst diese Werte vorlebt und die neuen wissen, worauf es ankommt, die längerfristige Entwicklung stimmt und die Leistungsträger das mittragen, dann kann das eine große Stärke sein.“

Kontinuität: Mit Daniel Eblen leitet der dienstälteste Trainer im deutschen Profihandball seit 2004 die Geschicke der HSG, Vater Otto ist seit 1991 Präsident. Dazu wurde der jungen, talentierten Aufstiegsmannschaft vertraut, in der sich jeder einzelne Akteur nun noch einmal steigerte. Daneben wurde die Gesamtstruktur des Vereins beständig und nachhaltig verbessert.

Weiterentwicklung: Die gesamte Mannschaft, aber auch jeder einzelne Spieler konnte sich deutlich steigern. Der vermeintliche Nachteil, mit einer der jüngsten und wohl der unerfahrensten Mannschaft des Bundesliga-Unterhauses überhaupt im Haifischbecken 2. Bundesliga bestehen zu müssen, wurde schnell zum Vorteil. Von Woche zu Woche waren individuelle, taktische und spielerische Fortschritte zu erkennen. Spieler wie Gregor Thomann, mit 223 Treffern viertbester Torschütze der 2. Bundesliga, Mathias Riedel (155 Tore) als einer der besten Halblinken der Liga und Konstantin Poltrum, der mit 355 Paraden viertbeste Torhüter der Liga, unterstreichen auch die individuelle Stärke. Spieler wie Paul Kaletsch, der nach längerer Krankheit als einziger Rechtshänder der Liga auf Halbrechts 151 Treffer erzielte sowie der nach langer Verletzungspause erst im Saisonendspurt zurückgekehrte Junioren-Nationaltorwart Stefan Hanemann stellten – wie viele weitere Akteure – ebenfalls großes Potenzial und hohe Qualität unter Beweis.

Spielerische Linie: Körperlich oftmals unterlegen, überzeugte die HSG Konstanz stets mit sehr attraktivem, schnellem Spiel nach vorne und begeisterte mit technisch hochstehendem Handball. Auch ein Verdienst der beiden komplett verschiedenen Spielmacher Tim Jud – dem ruhigen Techniker mit gutem Auge – und Matthias Stocker – dem torgefährlichen, überraschenden Instinkthandballer – die sich prächtig ergänzten und wohl eine der ligaweit schönsten Spielweisen kennzeichneten.

Keine Angst vor großen Namen: Frech war der Aufsteiger aus der größten Stadt am Bodensee dazu und ließ sich auch von großen Spieler- oder Vereinsnamen nicht einschüchtern. Die Top Sechs der 2. Bundesliga wurden mit Ausnahme des souveränen Meisters und direkten Erstliga-Rückkehrers Lübbecke allesamt mindestens einmal besiegt, mache sogar zweimal. 13 Punkte wurden gegen die sechs Topteams der Liga erspielt – unübertroffen im hinteren Tabellendrittel der zweiten Liga.

Otto Eblen freut sich zudem über anerkennende Worte der Konkurrenz, bei der sich seine Mannschaft großen Respekt erarbeitet hat: „Wir werden als Bereicherung der Liga wahrgenommen, das freut uns sehr und ist ein schöner Lohn für unsere Arbeit.“ Ausruhen auf den vergangenen Erfolgen kommt für den umtriebigen HSG-Macher aber nicht in Frage. Ohne Unterlass bastelt er an der weiteren Professionalisierung des Vereins.

Starke Liga: Denn, dessen ist er sich bewusst, das zweite Jahr nach dem Wiederaufstieg in Liga zwei wird noch schwerer als das erste. Nicht nur, dass Konstanz nicht mehr die große Unbekannte ist, sondern die drei Erstliga-Absteiger Bergischer HC, HBW Balingen-Weilstetten sowie der HSC 2000 Coburg als auch die vier Aufsteiger sorgen für ein extrem starkes Teilnehmerfeld. Vor allem der HC Rhein Vikings, der in Düsseldorf spielen wird, sowie der VfL Eintracht Hagen und der HC Elbflorenz Dresen verfügen über einen großen finanziellen Spielraum, in Dresden gar einen potenten Mäzen, der mit privaten Mitteln eine neue Multifunktionshalle erbauen ließ. Aber auch Ex-Erstligist Eintracht Hildesheim hat sich bereits, wie alle anderen Neulinge, hochkarätig verstärkt.

Eigene Verstärkungen: Vier Neuzugänge stehen mit Max Schwarz, Tom Wolf, Joschua Braun und Felix Klingler schon fest. Doch der Präsident kündigt weitere an: „Nachdem nun der Klassenerhalt gesichert ist, werden wir uns noch einmal verstärken. Dabei bleiben wir unserem „Konstanzer Weg“ treu. Jungen, leistungswilligen Talenten, die in Konstanz studieren möchten, geben wir eine Chance.“ Damit soll vor allem der langen, kräftezehrenden Spielzeit mit 38 Spiel- und vier Doppelspieltagen Tribut gezollt werden, nachdem zuletzt Ausfälle von Leistungsträgern schwer wogen. An erster Stelle stehen jedoch weitere strukturelle Verbesserungen und hohe Qualität in der Trainingsarbeit vom Jugendbereich über das Perspektivteam bis hin zur Bundesliga-Mannschaft. Neben dem A-Jugend-Bundesligateam haben sich bis auf die B-Jugend erneut alle anderen Teams für die jeweils höchste Liga qualifiziert, die B-Jugend hat noch ein Qualifikationsturnier vor sich. Zudem soll die extrem junge zweite Mannschaft mit einem Durchschnittsalter von gerade einmal 21 Jahren möglichst bald wieder mit dem neuen Trainer Matthias Stocker in die viertklassige Oberliga Baden-Württemberg zurückkehren.

Die Zukunft der 2. Bundesliga: Außerdem gilt es bei den Planungen zu berücksichtigen, dass in der übernächsten Spielzeit die Reduzierung des Bundesliga-Unterhauses von 20 auf 18 Teams vorgenommen werden soll. Zwar sollen in der neuen 18-er Liga lediglich zwei Mannschaften direkt absteigen, der Drittletzte spielt in Hin- und Rückspiel gegen einen Drittliga-Vertreter in einer Relegation um den Klassenerhalt, doch zuvor müssen in der Saison 2018/19 dafür fünf Mannschaften absteigen und nur drei Vereine aus der 3. Liga steigen auf, während die Aufstiegsregelung in die 1. Bundesliga schon für die Saison 2017/18 dahingehend modifiziert wurde, als dass künftig nur noch zwei Teams von Liga zwei in die Eliteklasse wechseln. Zudem hat sich der Bezahlsender Sky die Rechte an der 1. und 2. Handball-Bundesliga gesichert und wird nun – neben der neuen Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Programmen – über den deutschen Profihandball berichten.

Vorbereitungs- und Terminplan: Noch bevor die Vorbereitung nach einem kurzen Urlaub bei der HSG am 17. Juli wieder aufgenommen wird, führt die HBL am 20. Juni um 12 Uhr in Köln die Auslosung der 1. Runde des DHB-Pokals 2017/18 durch. Diese wird am 19. und 20. August in 16 bundesweiten Final Four-Turnieren ausgespielt. Eine Woche später, voraussichtlich am 26. August, ist der Zweitliga-Saisonstart geplant. Nach aktuellem Stand würde die HSG Konstanz mit einem Heimspiel gegen den ASV Hamm-Westfalen beginnen, eine Woche später zu einem der Auf- oder Absteiger reisen und am 9. September den nächsten Liga-Neuling empfangen, ehe am 15. und 17. September der erste Doppelspieltag mit einem Auswärtsspiel am Freitag in Saarlouis sowie einem Heimspiel am Sonntag gegen Eisenach über die Bühne gehen wird. Allerdings stehen einige Verschiebungen und Änderungen im Raum, sodass noch einige Wochen auf einen aussagekräftigeren Spielplan gewartet werden muss. Immerhin stehen die Eckdaten fest: Nach den Weihnachtsspielen am 26. Dezember ist Spielpause bis 10. Februar 2018, das Saisonfinale steigt am 2. Juni 2018.

Quelle: PM HSG KONSTANZ



  
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